Vipassana Rundschreiben
in der Tradition von Sayagyi U Ba Khin
FÜR DIE ELTERN SORGEN
Einst lebte ein reicher Kaufmann in Savatthi, der ein Vermögen von 180 Millionen besaß. Er hatte einen Sohn, den er und seine Frau innig liebten. Eines Tages ging dieser Sohn zum Jetavana-Kloster. Nachdem er einem Vortrag des Buddha zugehört hatte, bat er um Aufnahme in den Orden. Es wurde ihm aber erklärt, dass Buddhas niemanden ohne die Erlaubnis der Eltern ordinieren. Also ging er fort und weigerte sich solange zu essen, bis er von seinen Eltern die Erlaubnis bekam, in den Orden einzutreten. Darauf kehrte er nach Jetavana zurück und bat um die Ordination. Bald erwarb er sich die Gunst seines Lehrers und des Präzeptors und fünf Jahre nach der vollen Ordination beherrschte er die Lehren. Dann dachte er sich: „Ich werde hier abgelenkt, das liegt mir nicht.“ Nachdem ihn also sein Lehrer in Meditation unterwiesen hatte, zog er deshalb in ein Dorf, das an die Wildnis grenzte und lebte dort im Wald. Zwölf Jahre lang bemühte er sich sehr, doch es gelang ihm nicht, höhere Einsichten zu erlangen. Während dieser Zeit verarmten seine Eltern. Als ihre Pächter bemerkten, dass kein Sohn oder Bruder da war, welcher den Zins eintreiben konnte, zahlten sie nicht mehr, sondern nahmen sich, so viel sie konnten. Die Diener stahlen das Gold der Eltern im Hause und machten sich davon. Zu guter Letzt mussten die Eltern auch das Haus verkaufen und wurden obdachlos. In größtem Elend zogen sie in Lumpen gekleidet umher und bettelten mit Tonscherben in den Händen um Almosen. Zu jener Zeit kam ein Mönch von Jetavana zum Aufenthaltsort des Sohnes. Da erkundigte er sich nach der Gesundheit des Lehrers und der Hauptjünger und bat dann um Neuigkeiten von seinen Eltern. „Oh Freund, frage nicht nach dieser Familie. Man sagt, sie hätten einen Sohn, der Mönch geworden sei, doch nach seinem Weggang wäre die Familie dem Ruin anheimgefallen und die zwei alten Leute bettelten nun um Almosen.“ „Während zwölf Jahren habe ich mich bemüht“, dachte der Sohn bei sich, „aber ich war unfähig, die Pfad- oder Fruchtzustände von Nibbana zu erlangen. Ich will wieder Laienanhänger werden und meine Eltern unterstützen.“ Am folgenden Tag reiste er ab und kam nach einiger Zeit im Jetavana-Kloster an. Als er dort stand, dachte er: „Soll ich zuerst meine Eltern oder den Buddha aufsuchen?“ Dann sagte er sich: „Ich werde von nun an selten die Gelegenheit haben, dem Buddha zu begegnen. Ich werde den vollkommen Erleuchteten noch heute sehen und die Lehren hören und meine Eltern morgen aufsuchen.“ An diesem Tag zur Zeit der Morgendämmerung, als der Buddha die Welt überschaute, sah er die Entwicklungsmöglichkeiten des jungen Mannes, und als dieser ihn besuchte, pries der Buddha den Wert und die Tugenden von Eltern. Der junge Mann dachte: „Der Buddha sagt, dass ein Sohn, der zum Asketen wurde, hilfreich sein kann. Ich werde von nun an meine Eltern unterstützen und dennoch Mönch bleiben.“ Am nächsten Morgen ging er nach Savatthi und dachte sich, dass es nicht richtig wäre, seinen Eltern in ihrer Armut mit leeren Händen zu begegnen. Also bemühte er sich als Erstes um Almosennahrung und suchte dann nach ihnen. Als er sie erblickte, blieb er stehen und seine Augen füllten sich mit Tränen. Seine Eltern dachten, der junge Mönch erwarte Almosen und baten ihn weiterzugehen, doch er blieb stehen. Schließlich erhob sich seine Mutter, ging zu ihm hin und fiel ihm zu Füßen, als sie ihn erkannte. Er verlor die Beherrschung und brach in Tränen aus. Dann sagte er: „Sorgt Euch nicht, ich werde Euch unterstützen.“ Nachdem er sie getröstet und ihnen etwas Hafergrütze zu trinken gegeben hatte, ging er wieder weg, bettelte um etwas Essen und gab es ihnen. Dann suchte er Almosen für sich selbst. Nachdem er seine Mahlzeit beendet hatte, ließ er sich in der Nähe nieder. Von jenem Tag an kümmerte er sich auf diese Weise um seine Eltern. Er gab ihnen alle Almosen und auch alles, was er als Vorrat für die Regenzeit erhielt. Indem er so für seine Eltern sorgte, verlor er allmählich an Gewicht, da ihm nicht genügend Almosennahrung übrig blieb. Als die anderen Mönche ihn deswegen befragten, erklärte er ihnen, dass er seine Eltern unterstütze. „Herr“, antworteten sie, „Ihr begeht eine unerlaubte Handlung, wenn Ihr Gaben von Gläubigen an Laien weitergebt.“ Dann suchten sie den Buddha auf und erzählten es ihm. Der Buddha schickte nach dem jungen Mann und fragte ihn: „Ist es wahr, dass du die mildtätigen Gaben der Gläubigen nimmst und damit Laien unterhältst?“ Er bestätigte, dass dem so war. Der Buddha wollte ihn dafür loben und auch von seinen eigenen vergangenen Taten erzählen, deshalb fragte er ihn: „Wenn du Laien Nahrung gibst, wen unterstützt du?“ „Meine Eltern“, antwortete er. Um ihn noch stärker zu ermutigen, sagte der Buddha dreimal: „Wohl getan. Du bist auf einem Pfad, den ich vor dir beschritten habe. In früheren Zeiten, als ich auf Almosenrundgang war, unterstützte auch ich meine Eltern.“ Der Mönch wurde durch diese Worte bestärkt. Auf Verlangen der Mönche und um seine früheren Taten bekannt zu machen, erzählte der Buddha die Geschichte eines seiner früheren Leben, das Sama-Jataka (Jataka No. 540).
